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DATUM: Friday, 18.11.2016,  19:30 Uhr
ORT: Heinrich-Fries-Haus

"Wein und/oder Medizin; als es den Wein noch auf Krankenschein gab"

Diesem ewig aktuellen Thema wird sich ein profunder Kenner dieser Materie, unser Weinbruder Dr. Hartmut Clemens in Theorie und Praxis (‚sprich Wein‘) widmen.

 

Wein und Medizin – als es den Wein noch auf Krankenschein gab

Erkrankt zum Arzt gehen,um sich dann einen Wein verordnen zu lassen? Dass dies in früheren Zeiten keine Rauschvorstellung ambitionierter Viertelesschlotzer und Stammtischgänger war, sondern gängige medizinische Praxis, lehrte uns Dr. Hartmut Clemens im Rahmen seiner Weinprobe am 18.11.2016. Umrahmt wurde die Veranstaltung durch die museale Dekoration mit medizinischen Utensilien und herbstlichem Laubschmuck. In seiner Begrüßung wies Bruderschaftsmeister Karl-Ernst Schmitt auf das Wissen um die heilende Wirkung des Weines schon bei den Ägyptern und Römern hin.

Die praktische Erfahrung von Dr. Hartmut Clemens im Weinbau bekamen wir gleich mit dem ersten Wein, einem „2015er Sontheimer DOC Unterheinrieter Hohberg Kerner“ trocken, den er selbst an- und ausgebaut hatte zu schmecken mit dem etwas enttäuschenden Hinweis, dass man von Wein nicht gesund wird und dieser kein Arznei- sondern ein Genussmittel ist und man als Praktiker daher keine Pharmamittel- sondern eine AP-Nummer benötigt. Aha! Um 7000 v. Chr. wurde Wein bereits im Kaukasus angebaut, um 1235 erschien das erste Weinbuch, im 14. Jh. lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei 120 l, um auf 29 l im 20. Jh abzusinken. Davon wohl unbeeindruckt besuchte die englische Königin 1845 den im Nachhinein nach ihr benannten Weinberg im Rheingau, von dem wir den „2014er Hochheimer Königin Victoriaberg Riesling“ trocken von Joachim Flick mit wunderschönen Pfirsich- Apfel- und Zitrustönen und floralem Duft probierten. In seiner Abhandlung über die Zauberkraft des Weines beschreibt um 1740 Daniel Dieter Jacobi diesen, vor allem den Rheinwein als bestes Medikament und Nahrungsmittel. So probierten wir gerne den nächsten „Rheinwein“, einen „2014er Kiedricher Gräfenberg Riesling Spätlese“ trocken von Speicher-Schuth mit Aromen exotischer Früchte und Minzeduft. Um 1815 erschien ein Buch über die Anwendung und Wirkung von Wein bei lebensgefährlichen Krankheiten von Dr. Eduard Löbenstein-Löbel, Professor der Medizin in Jena und zur selben Zeit beschrieb Dr. Carl Graf den Moselwein als Getränk und Heilmittel, vor allem zur Reinigung von Nieren und Blase. Dies zu testen hatten wir Gelegenheit beim „2014er Revival Riesling“ trocken des Weinguts Martin Müller, dessen traditioneller Ausbau in Korbkeltern einen wunderbar fruchtigen Wein hervorbringt. „Rein, unverfälscht und von gutem Jahrgang“ musste ein Therapiewein sein und die Krankenhäuser der damaligen Zeit verfügten über sehr gut sortierte Weinkeller. So auch das heute noch existierende und nach dem damaligen Bischof Julius Echter benannte Juliusspital in Würzburg, aus dessen Kultlage der „2015er Würzburger Stein erste Lage Silvaner“ trocken nun unsere Gaumen mit knackig fruchtiger Frische weckte. Dass es Weine auch in Apotheken gab, belegt ein Schreiben einer Heidelberger Krankenkasse an einen Schwetzinger Apotheker, der ein entsprechendes Depot anlegen sollte und das auch die Rezeptgebühr vorschreibt. Der „2014er Gelblack Riesling“ trocken des berühmtesten Rieslingweinguts, „Schloss Johannisberg“, gefällt nicht nur durch seine Aromen von Limetten und Äpfeln, er soll früher Bestandteil der Hormontherapie bei Männern gewesen sein. Auch Ferdinand von Heuss, Militärarzt, schätzte den Wein und bekämpfte damit nicht nur Typhus, sondern auch Appetitlosigkeit und Bleichsucht, letzteres konnten wir gleich beim „2011er Erstes Gewächs“ vom renommierten „Schloss Vollrads“ mit seiner Mineralik und ausbalancierten Säure ausprobieren.

Die heilmedizinischen Erfolge von Stefan Oehlers, Assmannshausen, Herausgeber eines weinmedizinischen Büchleins sind nur mündlich überliefert. So verordnete er Johannisberger „Kirchberg“ bei Erkältung, „Hinterberg“ bei Leibschmerzen und „Höllenberg“ bei Magenleiden. Uns verabreichte Dr. Clemens einen „2014er Assmannshäuser Frankenthal Spätburgunder Spätlese“ trocken des Weinguts Robert König, der auch in Unkenntnis der Anamnese mit feinem Kirsch- und Vanillegeschmack gefiel. Ein bekannter Anwender des Weingeistes war auch Friedrich Hoffmann, Leibarzt zweier Könige und Erfinder der Hoffmannstropfen, die sowohl innerlich als auch äußerlich angewendet werden. Gerne verinnerlichten wir uns dies bei einem Schluck vom „2005er Château Tour Saint-Fort, cru bourgeois St. Estèphe“, dessen feine Struktur und Mandelnoten wohl durch die über 50 Jahre alten Reben sehr positiv beeinflusst wurden.

Doch kein Brauch ohne Missbrauch! Auch damals war dieser in gerichtlicher und polizeilicher Hinsicht ein Thema und jedes Glas zu viel verflucht, sein Inhalt des Teufels. Es war auch bekannt, dass die stärksten Weine nicht die besten und Weintrinker nicht so fett sind; Kandidaten für „Podagra“ – namentlich Gicht kamen eher aus „Biergegenden“. Keinen Missbrauch ließen wir beim „2013er Lagrein Kolben“ des Weinguts Bergdolt-Reif-Nett, Duttweiler, Pfalz aufkommen, einem gefälligen Wein, dessen Heimat der Geschmack nicht unbedingt verrät. Mäßigung wurde schwieriger beim vom Mediziner selbst erzeugten „2014er Sontheimer DOC Wein Unterheinrieter Hohberg“, einer frisch-fruchtigen Cuvée aus Cabernet franc, Merlot und Lemberger. Durch häufige „Geschlechtsaufregungen“ verursachte „Rückendarre“ bekämpften der Schweizer Arzt Samuel August Tissot und der bereits oben erwähnte Dr. Löbenstein-Löbel mit kleinen Gaben von Rheinwein. Wir genossen daraufhin einen „2012er Bricco di Guazzi-Albarossa“ aus Olivola, Piemont, mit fruchtigem Kirschton. Mit Stillschweigen übergehen sollten man laut Dr. Löbenstein-Löbel österreichische Weine, da sie arm an Spiritus und Zuckersaft sind, was uns jedoch beim fruchtigen und nach roten Beeren schmeckenden „2009er Sonnensteig Blaufränkisch“ vom Weingut Wellanschitz im Burgenland schwerfiel.

Eine der altehrwürdigsten Einrichtungen der Krankenpflege ist das 1443 gegründete Hospice de Beaune, dem Lagen in den feinsten Gemarkungen der Côte d‘ Or gehören und deren Erträge, die einmal pro Jahr an drei Tagen an einer von der internationalen Weinwelt beachteten Versteigerung verkauft werden, das Hospice finanzieren. Dr. Clemens hatte für uns eine Rarität ergattert: den „1998er Hospices de Beaune Cuvée Billardet Pommard“, dessen konzentrierte und elegante reife Burgunderaromen unseren Gaumen schmeichelten. Wer wollte sich wohl nicht bei Krankheit von solch Wein spendenden Nonnen pflegen lassen – honi soit qui mal y pense! Was hilft nun noch? Dr. Friedrich Hofmann empfiehlt – neben dem oben bereits verkosteten Burgunderwein als besten Tischwein – den ungarischen Wein als Bestandteil seiner Jungferndiät und so probierten wir artig und gern den „2003er Sauska Aszu 5 Puttonyos Tokaj“, ein herrlicher Trank mit Honig- und Dörrobstaromen. Bei einem wiederbelebenden, vom Referent selbst erzeugten „2015er Unterheinrieter Hohberg Riesling S“ DOC zogen wir das positive Resümee, dass ein Tag ohne Wein doch ein potentielles Gesundheitsrisiko darstellt, gelobten aber auch, dies in Maßen zu beherzigen.

Ganz herzlichen Dank an Hartmut Clemens für das großzügige Sponsern der Weinprobe und für die humorvolle, informative und wissenschaftliche Präsentation inklusive Nachschlagewerk. Dank auch an Wolfgang Heinrich und sein Team im Ausschank: Thomas Drachler und Stefan Kurz.

Regina Brendle, November 2016

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