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DATUM: Friday, 15.03.2019,  19:30 Uhr
ORT: Heinrich-Fries-Haus

"Die Vielfalt der Württembergischen Cuvées"

Der „TL“ (sprich Trollinger/Lemberger) ist einer der bekanntesten Cuvées im Lande. Weinbruder Dr. Hartmut Clemens wird uns sicher mehr als nur „TL“ vorstellen.

 

Im Rahmen des Jahresleitthemas „Cuvée“ initiierte Hartmut Clemens am 15.03.2019 die Weinprobe „Die Vielfalt der Württembergischen Cuvées – gibt es mehr als TL?“. Schon bei seinen einleitenden Worten stellte Bruderschaftsmeister Karl-Ernst Schmitt fest, dass die bedeutendsten Weine der Welt Cuvées sind und die Vielfalt der Rotweinsorten Württemberg geradezu für Cuvées prädestiniert ist.

Bei einem Vergleich TL – LT ging Hartmut Clemens gleich „in medias res“. Den Trollinger-Lemberger oder Lemberger-Trollinger, die „Schwabenmilch“ für „zahllose zahnlose alte Schwaben“ gibt es nur in Württemberg und so stellte er den fruchtbetonten, „marmeladigen“ 2017er TL** des Weinguts Raimund Laicher einem auf der Maische vergorenen, authentischeren 2017er LT des Weinguts Schäfer-Heinrich gegenüber.

Im internationalen Vergleich ist Deutschland beim Weinkonsum an 4. Stelle, Württemberg belegt bei Erntemenge und -fläche auch den 4. Platz und der Trollinger ist auf dem 4. Rang der Rebsorten in Württemberg. Der Rotweinanteil in Württemberg liegt bei 69 %. Es gibt eine verwirrende Vielfalt an Cuvées: Lemberger-Cuvées, Bordeaux-Cuvées, Zweigelt-Merlot-Cuvées, Cuvées aus Weinsberger Neuzüchtungen und auch der Spätburgunder eignet sich für Cuvées.

Als Lemberger-dominierte Cuvées präsentierten sich die fruchtige trinkreife Jubiläumscuvée 12 Jahre SAV Lauffen, sowie das 2015er Duett in Rot von Fritz Funk, Löchgau, bei dem der Spätburgunder kaum schmeckbar, das Holz aber schön eingebunden war. Vom renommierten Weinkonvent Dürrenzimmern probierten wir den 2015er Cellarius, eine Cuvée aus 60% Lemberger und 40% Merlot, die den Mundus Vini Preis 2018 in Silber für neue Rebsorten hoch verdient hat und einem Bordeaux sehr ähnlich kommt, genauso wie der 2013er Dicker Turm der Esslinger Burg der WG Esslingen, einer Cuvée aus Cabernet franc, Cabernet sauvignon und Syrah. Aromen von Kräutern, schwarzen Beeren und Zartbitterschokolade hätten nicht die Herkunft aus einer der kleinsten Lagen Württembergs (1,6 ha) erahnen lassen.

Dass VDP-Betriebe auch gekonnte Cuvées bereiten ist bekannt, jedoch anerkennt der VDP die Cuvées im Gegensatz zu den reinsortig ausgebauten Sorten nicht als Großes Gewächs. Aha! Zu Ehren seines unter dem Aufstand des „Armen Konrad“ enthaupteten Vorfahren kreierte Ernst Dautel die Cuvée „Jakob D“ aus Lemberger, Merlot, Cabernet Sauvignon und es entstand ein kraftvoller, saftiger Rotwein, der auch dem Ahnherrn geschmeckt hätte. Als „Garagencuvée“ bezeichnet Hartmut Clemens seinen eigenen, aus Cabernet franc und Merlot bereiteten Wein, der frisch und fruchtig wirkt und durch Eichenspäne das „gewisse Etwas“ erhält. Die Cuvée bietet auch Flexibilität bei der Zusammensetzung der Rebsorte, so beim Jodokus von Drautz-Able, der mit den Rebsorten Lemberger, Merlot, Cabernet Sauvignon und Dorio aus dem Vollen schöpfen und so alljährlich eine bemerkenswerte Cuvée erzeugen kann, die nicht dem globalen Trend folgt.

Das Wort Cuvée leitet sich ab aus dem französischen Wort für Gärbehälter bzw. dem deutschen Hohlmaß, man kann sowohl den femininen als auch den maskulinen Artikel verwenden und in Frankreich kann eine Cuvée auch sortenrein sein. Einer der ersten württembergischen Winzer, der eine Cuvée kreierte war Siegfried Röll, Kellermeister des Fürsten Hohenlohe-Öhringen, dessen 2013er Ex flammis orior mit Beeren-, Zartbitterschokolade- und Kaffeearomen überzeugt. Einem Stück Heilbronner Weingeschichte verpflichtet ist der 2011er Wollendieb des Weinguts G.A. Heinrich aus Lemberger, Cabernet Cubin und Dorsa, ein komplexer, finessenreicher Wein, bei dem man sehr wohl versteht, warum ein Wolleverkäufer damals seine Einnahmen in Heilbronn vertrank. Ein „Pirat“ stellte uns vor die schwierige Aufgabe, was wir schon gelernt hatten – es war eine 2008er Cuvée aus Lemberger und Merlot des Weinguts Laicher mit Barriqueausbau und Aromen von Vanille und Mokka – keine leichte Aufgabe. Wie im Bordelais erzeugt Albrecht Schwegler seine Spitzencuvées, so auch den 2009er Saphir aus Zweigelt, Syrah und Cabertin nur in den besten Jahren, mit seiner dichten Mineralik hat dieser noch viel Potential. Radikal ertragsreduziert wurden der Cabernet Cubin und der Lemberger für die 2008er Cuvée Nobilis des Weinguts Leiss, die mit dunklen Beeren- und Holzaromen, reichlich Taninen sehr stoffig wirkte. Zum Schluss gab‘ s zur Erfrischung noch eine weiße Cuvée aus Chardonnay und Weißburgunder, die 2017er Viola des Weinguts Albrecht-Kiessling.

Wenn auch die Anpassung an globalisierte Weinmärkte in Form von Cuvées fortschreitet, brauchen die Württemberger den Wettbewerb nicht zu fürchten und haben sich ihren „Kennerkopf“ bewahrt, frei nach der Devise: sag, was wahr ist, iß, was gar ist, trinke, was klar ist – wir haben kapiert.

Ganz herzlichen Dank an Hartmut Clemens für die sorgfältig zusammengestellte und aufwändig minutiös recherchierte Probe, an Wolfgang Heinrich für die frühlingshafte Deko und das Vorbereiten und Einschenken der Weine sowie an Stefan Kurz und Thomas Drachler für die Assistenz beim Ausschank.

Regina Brendle, März 2019

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